Gutachten: Palliativversorgung in Niedersachsen

Hannover, 09.03.2005. Mit dem Bericht der Medizinischen Hochschule Hannover liegt erstmals eine umfassende Bestandsaufnahme der Palliativversorgung für ein Bundesland vor. Von der Leyen: "Wir müssen ein dichtes Netzwerk der Hilfe für Sterbende knüpfen".

Um im demographischen Wandel eine verlässliche Hilfe für schwerstkranke und sterbende Menschen aufzubauen, brauchen Palliativversorgung und Hospizbewegung eine wirkungsvolle Vernetzung. Dies ist ein Schluss, den das Sozialministerium aus dem aktuell vorliegenden Gutachten "Palliativversorgung in Niedersachsen" zieht, das Sozialministerin Ursula von der Leyen am Mittwoch, 9. März, in Hannover vorstellt. Gemeinsame Auftraggeber der zu diesem Thema bundesweit beispiellosen Studie sind das Sozialministerium, die gesetzlichen Krankenkassen sowie die Kassenärztliche Vereinigung in Niedersachsen.

"Unbeherrschbare Schmerzen und Angst vor dem Sterben sind über Jahrhunderte die Geißel der Menschheit gewesen. Die Hospizbewegung und die Palliativmedizin ermöglichen heute vielen Menschen einen weitgehend schmerzfreien und würdigen Abschied", sagt Ursula von der Leyen. Die Bestandsaufnahme zeigt, dass es bereits ein breites und vielfältiges Angebot an medizinischer Hilfe und ehrenamtlichem Engagement in der Sterbebegleitung gibt. "Nun müssen wir die vielen vorhandenen Ansätze zusammenführen und vor allem die Vernetzung der Anbieter untereinander verbessern, um dieses Angebot niedersachsenweit möglichst vielen Menschen zugänglich zu machen", so von der Leyen.

Mit dem von Gutachtern der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) erstellten Bericht liegt erstmals eine umfassende Bestandsaufnahme für ein Bundesland vor. In Niedersachsen gibt es mit derzeit 116 Hospizdiensten, 12 stationären Hospizen sowie sechs ambulanten Palliativ- und 94 ambulanten Hospizdiensten und neun Palliativstationen in Krankenhäusern Angebote und Projekte mit einer großen Vielfalt. Neben den Ärzten, den Krankenhäusern und Pflegediensten bilden die sich in der Hospizbewegung engagierenden ehrenamtlich Tätigen eine wichtige Säule.

"Die Palliativversorgung ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die nicht nur die gesetzlichen Kranken- und Pflegeversicherungen betrifft, sondern vor allem auch künftig das ehrenamtliche Engagement und die Beteiligung der Angehörigen", betont von der Leyen. "Die meisten Menschen möchten zu Hause sterben und ihre Familien wollen dies auch im Grunde schaffen, aber sie haben oft Angst vor der Begegnung mit dem Tod und vor vermeintlich unbeherrschbaren Situationen. Die Palliativmedizin entlastet bei Schmerzzuständen und der Gabe von Medikamenten und die Hospizbewegung leistet wertvolle emotionale Hilfe bei der Pflege eines sterbenden Menschen. Oft gibt diese Entlastung der Familie genug Kraft, den Angehörigen bis zum Tod zu Hause zu begleiten," so von der Leyen, "und dadurch vielleicht nicht dem Leben mehr Tage, aber den Tagen mehr Leben zu geben."

Das Sozialministerium hat mit den anderen Auftraggebern des Gutachtens die Vorschläge der MHH zunächst einer ersten Bewertung unterzogen. Der Schlüssel für eine zukunftsfähige Palliativversorgung in Niedersachsen liegt in einer besseren Kommunikation und Vernetzung aller im Bereich von Palliative Care tätigen Personen und Institutionen. Handlungsbedarf besteht auch bei der Aus-, Fort- und Weiterbildung vor allem für Ärzte und Pflegekräfte, die regelmäßig mit Schwerstkranken und Sterbenden zu tun haben.

Das Sozialministerium befürwortet zudem die Empfehlung der Gutachter, für eine koordinierte Basisversorgung vor Ort "virtuelle" Palliativstützpunkte auf Kreisebene zu bilden. "Wenn sich vor Ort die unterschiedlichen Hospize, Alten- und Pflegeheime, ambulanten Pflege- und Hospizdienste, die Hausärzte und die privaten und kirchlichen Initiativen oder die Wohlfahrtsverbände freiwillig koordinieren, entsteht ohne großen zusätzlichen Kostenaufwand ein starkes Netzwerk der Hilfe für die sterbenskranken Menschen in der Region", betont von der Leyen. Schließlich gebe es über das Land verteilt auch zahlreiche Arbeitskreise, runde Tische und Netzwerke auf informeller Basis, die hervorragende Arbeit leisteten. "Hier wollen wir ansetzen und Erfahrung, Fachwissen und Ehrenamt bündeln. Unsere Aufgabe wird es sein, den Anstoß für die Palliativstützpunkte zu geben," sagt von der Leyen.

Zum Vorschlag, künftig Palliativ Care-Betten nicht nur in Hospizen sondern auch in Krankenhäusern und Alten- und Pflegeheimen einzurichten, muss noch geprüft werden, ob die derzeitige Rechtslage diese Möglichkeit eröffnet.

Auf einer zweiten Ebene muss eine Spezialversorgung weiter entwickelt werden. "Dazu passt hervorragend, dass in diesem Herbst an der Universität Göttingen das neue Palliativzentrum eingerichtet wird", sagt von der Leyen. Die Einrichtung soll nicht nur Forschung und Lehre in Palliativ-Care vorantreiben sondern neben Leitlinien und Standards auch einen 24-Stunden-Servicetelefondienst aufbauen.

Palliativversorgung ist schwer abgrenzbar zu anderen Versorgungsbereichen, außerordentlich heterogen mit einer Vielzahl unterschiedlicher Leistungserbringer. Diese stammen nicht nur aus dem Gesundheitswesen, sondern auch aus kirchlichen und privaten Initiativen. Es sind alle Sektoren des Gesundheitswesens betroffen, ambulante und stationäre, Krankenhaus- und Vertragsärzte, psychosoziale Dienste, Rehabilitation und ähnliche Angebote. Unter dem Dach der Palliativversorgung findet sich der stark ehrenamtlich geprägte Bereich der Hospizarbeit und der eher schulmedizinisch geprägte Bereich der Palliativmedizin.

"Das Thema Tod und Sterben wird oft noch verdrängt. Aber die wachsende Zahl älterer Menschen wird uns immer häufiger vor diese Frage stellen. Die Sterbebegleitung in der Familie oder im vertrauten Kreis kann mit der richtigen Hilfe zu einer festigenden und positiven Erfahrung werden. Unsere Aufgabe ist es, frühzeitig die richtigen Weichen für ein dichtes Netz der Hilfe vor Ort zu stellen", sagt Ursula von der Leyen.

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